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Zum Thema Kunsthandwerk
Kann Handwerk im Zeitalter des Industrialismus noch eine Bedeutung haben?
Es möchte nicht so scheinen, denn die Industrie hat die praktischen Aufgaben des Handwerks auf allen Gebieten übernommen, damit hat das Handwerk seine wirtschaftliche und technische Bedeutung verloren.
Für den Kaufmann ist das Handwerk eine überlebte Wirtschaftsform, für den Techniker ist es eine veraltete Produktionsmethode, beide sehen in dem Handwerk keine Zukunft.
Der Künstler und der kunstinteressierte Mensch sehen in ihm ein verlorenes Paradies, dessen Verlust beklagenswert ist, aber als unwiderruflich erscheint.
In unserer Zeit der immer weiter fortschreitenden Teilung und Spezialisierung auf allen Gebieten der Arbeit und des ganzen Lebens bedeutet das handwerkliche Arbeiten noch eine der wenigen Möglichkeiten eine Aufgabe in ihrer Ganzheit zu erfassen und durchzuführen.
Der gestaltende Handwerker ist Kaufmann, Techniker und Künstler in einer Person. Im Handwerker vereinigen sich das Prinzip des Technisch-Organisatorischen mit dem des Künstlerisch-Schöpferischen.
Aus der Synthese dieser beiden Prinzipien erwuchs die Geschlossenheit der handwerklichen Kultur, deren Zeugen wir allentlhalben bewundern und lieben.
Oft spricht man im Zusammenhang mit der Schönheit der alten Werke vom unbegreiflichen Können der alten Handwerker.
Jedoch, es handelt sich garnicht um das "Können", denn konnten die alten Handwerker wirklich so viel mehr in diesem Sinne eines artistischem Könnens?
Unsere Schreiner arbeiten heute viel exakter, die Schubladen moderner Möbel funktionieren viel besser als bei einer Barockkommode.
Oder: Unsere Schlosser und Mechaniker bauen viel kompliziertere und besser funktionierende Maschinen, unseren Baumeistern stehen ganz andere Möglichkeiten offen, sie können Brücken und Gewölbe bauen in einer Spannweite, die alle alten Vorstellungen um ein Vielfaches übersteigt, sie haben Einrichtungen, mit denen praktisch jede Aufgabe gelöst werden kann.
Wir dürfen somit sagen: Wir können heute viel mehr!
Es war also nicht ein Können in diesem Sinne, das die alten Handwerker zu den Leistungen befähigte, die wir an ihnen so hoch schätzen.
Ihre Stärke lag vielmehr in der Ungeteiltheit ihres Tuns und Denkens, in der Synthese des Technischen und des Künstlerischen.
Aber sie hatten es leichter als wir, denn sie waren sich dieser Ungeteiltheit nicht bewußt; sie lebten in diesem Zustand vollkommen selbstverständlich, und alle Werke, die aus ihren Händen hervorgingen, die technischen genau so wie die künstlerischen haben den Charakter des naturhaft Gewachsenen.
Diese Werke sind aus einem Lebensgrund erwachsen, der uns heute mehr und mehr verloren geht und mit dem wir uns nur noch mit Mühe in Beziehung setzen können, denn die ursprüngliche und unbewußte Einheit ist verloren gegangen, die Bewußtheit und das kausale Denken haben von uns Besitz genommen.
Das Prinzip des Künstlerischen hat sich abgespalten und ist selbständig geworden, aber nur eine verschwindend kleine Zahl von Menschen hat Kontakt mit dem Künstlerischen unserer Zeit.
Das Künstlerische hat sich zurückgezogen aus unserem Leben, es ist weiter zerfallen in vielerlei Richtungen gegensätzlicher Art und es führt ein isoliertes Leben.
Das Prinzip des Technischen aber, losgelöst von allem Künstlerischen hat sich aufgeteilt in zahllose und eigene Bereiche.
Es ist der Begriff des Spezialisten entstanden:
Wir haben Bauingeneure, Elektroingeneure, Flugzeugingeneure, Eisenbahningeneure und viele andere Fachspezialisten mehr.
Diese teilen sich in solche, die nur planen, und solche, die nur ausführen, und die große Masse der arbeitenden Hände macht kleine und kleinste Teile und kennt kein Ganzes mehr.
Es ist aus dem Ganzen eine Summe von Teilen geworden, die unter sich keinen lebendigen Zusammenhang mehr haben.
Der Spezialist sieht sein Spezialgebiet, er verlernt es darüber hinauszusehen, er verliert zwangsläufig den Sinn für den Zusammenhang des Lebens, den Segen der Ganzheit zu empfinden und zu erkennen, er sieht die gesteigerte Leistung auf seinem Teilgebiet und er strebt danach neue Spezialisten zu schaffen; sie alle teilen und spalten auf, und aus den Menschen werden Spezialapparate die auf ihren engen und engsten Teilgebieten immer neue Rekorde an Leistung erringen.
Der moderne Handwerker muß sich darüber klar sein, daß er vielfach in Gefahr ist, in der Überbewertung des Mechanisch-Exakten und in der Vernachlässigung des Künstlerischen ein Handarbeitsspezialist zu werden; damit aber kann in ihm das wichtige Moment der Ganzheit nicht lebendig und fruchtbar werden.
Der Handwerker unserer Zeit braucht ein neues Ideal, das neue Ideal aber
muß lebendige Ganzheit sein, und er muß sich dessen bewußt sein, was das bedeutet.
Gestaltendes Handwerk ist in unserer Zeit durchaus lebensfähig, das Interesse der heutigen Menschen an allem gestaltenden Handwerk ist groß, denken wir nur an das Bild der Werkstätten in Ausstellungen, die von träumend zusehenden Besuchern umstanden sind. Die Zuschauer erleben in ihrem Inneren den Vorgang der gestaltenden Arbeit mit.
Die Große und entscheidende Bedeutung des gestaltenden Handwerks unserer Zeit ist geistiger Natur, denn das gestaltende Handwerk ist Träger der Ganzheit und Kontinuität.
Demjenigen, der bis hier gelesen hat möchte ich für sein Interesse und seine Ausdauer danken und abschließend anmerken, daß es sich hierbei um Auszüge eines Aufsatzes von Franz Rickert, Professor an der Akademie der Bildenden Künste in München von 1935 - 1972, gehalten 1948 in Schweden vor der Organisation für kulturelle Verbindungen mit dem Ausland, mit dem Titel: Die Bedeutung des gestaltenden Handwerks in unserer Zeit - aktuell wie eh und je!